Flugzeug-Blog

Nun kann man im Flieger nicht online gehen, zumindest in diesem Flieger nicht, aber selbst wenn, so kurz vor dem Start muss der Laptop ja ohnehin aus sein. Und auch wenn das nicht so wäre – ich habe ihn (also den Laptop) ja garnicht dabei. Es ist der German Wings Flug Nummer 4U8091 von München nach Berlin Schönefeld, der ersten Station meines Urlaubes. Und es ist dies wirklich seit langem wieder ein Urlaub, und während der Pilot nun die Maschine in Richtung Startposition führt, formt sich in meinem Kopf jenes angenehme Gefühl, dass das nun laut werdende Geräusch des startenden Flugzeuges (immerhin ein Airbus) wirklich und wahrhaftig der Beginn einer Reise ist, deren Sinn und Zweck alleine dazu dient, dass ich nichts mache was ich nicht will. Laptop zu Hause, Sachen gepackt, der Airbus bohrt sich nach oben in den Münchner Nachthimme, die kurz aufflackernden Gefühle während der Startphase – ich habe URLAUB !

Was immer ich vergessen habe, es bleibt zurück. In Berlin werde ich eine Nacht im Flughafenhotel verbringen um morgen um 10:40 Uhr zum zweiten Mal in die Luft zu gehen, auf dem Weg nach St. Petersburg , Russlands Vorzeigestadt, die durch und durch russisch ist und doch ganz anders als das Weite Russland sich darstellt. Es ist eine Stadt die am Reissbrett entworfen wurde und doch lebendig ist, jung dynamisch, ohne den Charme der Geschichte verloren zu haben.

Während unten die Lichter kleiner werden wechselt in mir im ständigen Kampf die Freude auf morgen mit den Sorgen von heute. Auf Wiedersehen München. Ich sollte ein Remis mit mir verhandeln. Doch der Kopf macht eben was er will, und so schwirren Namen von Firmen und Mandanten, angesprochene Bewerber und voridentete Kandidaten zusammen mit Urlaubserinnerungen an meinen ersten Aufenthalt in Petersburg im April 2001 und meinen Gedanken an Nina und Krümel um die Wette. Von Remis keine Spur. Einfach ignorieren !

Ich weiss noch nicht, ob ich es schaffen werde jeden Tag zu schreiben was geschehen ist, also nehmen wir die Route mal in Sicht: Von Berlin geht es morgen also nach St. Petersburg, wo wir – das Brautpaar Marcel und Nastja, Cellis Schwester Daphne und ihr Freund Sören, Julia und Oliver und last – not least – Jochem und Ilse, Cellis Eltern – in einem Appartment einige Tage verbringen werden. Dann, am 21. November wenn ich es richtig im Kopf habe, besteigt die ganze Mischpoke einen Zug, der uns in ca. 26 Stunden nach Archangelsk bringen wird, von wo es nach Jasni weitergeht, einem kleinen Dorf 120 km von Jasni, wo die Hochzeitsfeier stattfinden wird, dem Ziel der Reise. (Es ist nachträglich anzumerken, dass die Zugfahrt von Archangelsk nach Jasni 6 Stunden benötigt…)
Der Gedanke daran, dass ich in wenigen Tagen am weissen Meer stehen werde ist kaum fassbar für mich – ob ich der erste meiner Familie bin der dort hinfährt ? Mein Ururgroßvater, Offizier in der zaristischen Armee bis zu seinem Tod in einem Lazarett im Jahr 1916 mag dort gewesen sein… ich werde es nie erfahren. Aber es macht auch keinen Unterschied. So weit nach Norden bin ich noch nie gekommen – und ob ich es je wieder schaffen werde… wer weiss ? Passend dazu spielt mein mit vielen Van Dusen Hörspielen und etwas Musik beladener MP3 Player das Thema von “Jagd auf roter Oktober”… ich liebe russische Chöre. Ob ich es auf dieser Reise schaffen werde mir endlich eine CD zu kaufen ? (/Anmerkung des Autors: nein, habe ich nicht :-)/ )

Doch ich wollte die Reiseroute beschreiben. Nun, vom Ufer des weissen Meeres geht es also nach Jasni und dann wieder zurück nach St. Petersburg (Zug… gaaaanz lange Zug), wo die Gefährten sich trennen werden. Während es alle zum Flughafen zieht um in ihre Heimat zu fliegen zieht es mich in meine- Estland. Und wenn es auch nur effektiv 2 1/2 Tage sind, für mich ist es jetzt schon der wahre Höhepunkt der Reise. Was ich in Estland alles mache, ob ich es schaffe nach Tartu zu fahren, all das ist noch nicht geplant. Muss es auch nicht, obwohl ich die kleine Liia schon sehr vermisse! 5 Jahre ist sie jetzt alt. Ob sie mich erkennt ? Lange Zeit ist es her, dass ich in Tallinn und Tartu auf dem Boden gelaufen bin, den ich bald nicht nur aus der Ferne Heimat nennen darf, sondern der wirklich mein Zuhause werden könnte…

Was auch immer die kommenden 2 Wochen bringen werden: Ich weiss schon jetzt, dass ich eines nicht vergessen kann: Ninas Worte am Telefon heute nachmittag. Ich weiss nicht ob sie dies hier je lesen wird (ich weiss ja ohnehin nicht wer das hier so liest) aber ich habe verstanden und doch begreife ich es nicht. Ich werde es wohl auch nie begreifen. Vielleicht will ich das auch garnicht, wer weiss?! Ich hoffe aber, dass Du mich verstehen kannst. Du hast jetzt zwei Wochen Zeit nachzudenken – auch wenn ich jetzt schon weiss oder zumindest erahne was am Ende dabei rauskommen wird.
Der Copilot hat gerade mitgeteilt, dass wir uns bereits im Sinkflug befinden. Nach und nach tauchen jetzt am Boden die ersten Lichter auf. Links über der Tragfläche erscheint jetzt ein scheinbar unendliches Meer an gelb-orangenen Lichtern. Millionen von Laternen, erleuchteten Wohnungen, fahrende Autos, alles Geschichten und Menschen die traurig sind oder sich freuen, Menschen mit Sorgen und Lastern, fröhliche, zögerliche, abgebrühte und verletzliche…

Wie dem auch sei, die Lichter in der Kabine gehen aus bis auf einzelne Leselampen. Der Airbus senkt sich mehr oder weniger ruhig gen Flughafen Schönefeld.

Willkommen in Berlin.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s