Das Herz des Landes

Es ist 18:30 Uhr. Wir fahren seit gefühlt unzähligen Stunden nun im Zug durch das weite Russland gen Norden. Der Schnee draußen ist keine Seltenheit mehr und bei manchem Halt können wir nach draußen gehen und uns die Beine vertreten oder an einem Kiosk den Biervorrat wieder auffüllen – zumindest diejenigen, die aus dem (zu) warmen Wagon den Gang in die Kälte wagen. Es mögen nur -5 Grad sein, der kalte Wind und das lange sitzen in der Wärme lassen einige jedoch eben jenen Schritt sich die sehr steile Treppe und den halben Meter Sprung von der letzten Stufe auf den Boden scheuen. Nach und nach hat man auch vagen Kontakt zum Zugpersonal, zumindest zu den beiden Wagen-Schaffnerinnen. Die eine erzählte und gerade, dass der Aufenthalt hier nun so lange gedauert hat, weil der Zug eine neue Lokomotive bekommt: Nicht mehr Strom treibt die Zugmaschine an wie bisher sondern eine Dampflok wird die zahlreichen Wagen den restlichen Weg nach Archangelsk ziehen. Unsere russische Schaffnerin war über unsere freudige Reaktion so überrascht, dass sie uns „das Geheimnis der Wagenheizung“ einführte, was dann auch die Erklärung für den schmutzigen Boden in einigen Teilen des Zuges beinhaltete: Ein Kohleofen.
Die Zugfahrt nähert sich dem Ende, was angesichts der Restfahrzeit von mehr als 4 Stunden vielleicht vermessen klingt. Wenn man aber bereits knapp 22 Stunden in selbigem fährt gewöhnt man sich etwas mehr an die Zeit- und Raumvorstellungen der Einheimischen. Es ist sein unwahrscheinlich großes Land von dem wir ja nur im vorderen, westlichen Teil Station machen. Wie groß wird der Wunsch mehr von ihm zu sehen und zu erkunden, merh zu lernen und dann vielleicht auch mehr zu begreifen. Es sei dem Leser geraten eine solche Reise – zumindest einen Teil derselben – in einem Zug zu machen, denn besser wird der Charakter nicht offenbar als wenn man heißen Tee zu trinken, draußen die verschneiten Wälder, selten durchbrochen durch kleine Dörfer, die ein wenig Licht in die Finsternis jenseits der Wagenfenster werfen, betrachtet und sich die Zeit nehmen kann direkt in das Herz des Landes zu sehen.

Man kann Russland nicht erklären, man kann es nicht beschreiben. Man kann es wohl auch nicht verstehen – wenn man es aber betrachtet zeigt es sich in so vielen Facetten und Farben, die dem Betrachtenden verständlich machen, dass er es nie ganz umfassen kann und sich dennoch lohnt den Blick nicht abzuwenden und immer wieder in neue Regionen und Schichten vorzustoßen. Auf der Suche nach dem Herz Russlands…

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