Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien

Es gäbe einiges Themen über die ich schreiben will. Naja. Sagen wir kann. Könnte. Da wäre PÖFF und die Verleihung des Europäischen Filmpreises in tallinn und die Frage ob man das hochwerten darf, soll und wenn ja wie hoch denn nun. (Witziges Detail: Ich höre gerade die Deutsche Welle und da kommt der Bericht von eben dem Filmfestival) Oder die baldige Ankunft und mit sehr gemischten Gefühlen betrachtete Einfühurung des EURO in Estland (nebenbei: HURRA,ICH FREUE MICH!). Dann habe ich momentan Besuch von einem guten Freund, de seit Freitag und noch bis Mittwoch bei mir auf der Couch nächtigt. Natürlich kann man immer wieder oder auch exklusiv den wunderschönen Tallinner Weihnachtsmarkt nennen.

Aber ich will als alter Geschichtler natürlich den heute fälligen Jahrestag nicht vergessen. Und die beste Beschreibung hat meiner Meinung nach der SPIEGEL Journalist Herman Schreiber geleistet, den zu zitieren ich mich hiermit erlaube:

“Wenn dieser … für das Verbrechen nicht mitverantwortliche, damals nicht dabeigewesene Mann nun dennoch auf eigenes Betreiben seinen Weg durchs ehemalige Warschauer Getto nimmt und dort niederkniet — dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er, der das nicht nötig hat, da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien — weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.”

Ich gehe mal einfach davon aus, dass nun alle wissen um was es hier geht. Und wer es nicht weiss, der muss ja einfach nur bei Google mal das Wort “Kniefall” eingeben. Es ist schon interessant, und vielleicht dem jahrestag geschuldet, dass der Ausdruck Kniefall derartig mit der Geste des damaligen Bundeskandzlers Willy Brandt verbunden wird. Was bedeutet eigentlich Kniefall? Das “freie Wörterbuch” Wiktionary definiert Kniefall wie folgt: “Unterwürfigkeitsgeste gegenüber einer höhergestellten Person durch Abknien.”. War aber dier Kniefall von Brandt wir klich ein Zeichen der Unterwerfung? Und wenn ja:_ gegenüber wem? Den Polen? Den Juden? Wie ich heute im Radio gehört habe, wurde dieser Vorfall in den polnischen Medien der kommunistischen Zeit ignoriert – weil das Bild nicht zu dem gleichzeitig propagierten Image der nationalist/imperialistischen Bundesrepublik passte.  Zumindest die kommunistische Propaganda also hat den Kniefall nicht als Unterwerfung des Kanzlers gewertet. Ich denke, es war weniger eine Geste der Unterwerfung den der Demut. Demut vor der Geschichte und den Verbrechen, die im Namen Deutschlands durch die Nationalsozialisten und deren Anhänger durchgesetzt wurde. Demut vor dem Supergau der Unmenschlichkeit und der Entmenschlichung – die Entmenschlichung der Juden und Polen durch die Nazis und zugleich die Entmenschlichung der Täter – denn welcher Mensch der fühlt und denkt kann solche Grausamkeiten begehen ohne seine Menschlichkeit zu ignorieren und zu verdrängen?

Ich kann Brandt in vielem nicht zustimmen was er als Kanzler gemacht hat, für die Ostpolitik aber verdient er die grösste Hochachtung. Er hat den Kalten Krieg durchbrochen und den Deutschen und der Welt ein Beispiel gegeben. Er wurde zu seiner Zeit hart angegangen, aber er wurde auch geehrt – der Friedensnobelpreis war eine berechtigte Auszeichnung für einen visionären Aussenpolitiker und einen Kanzler, der in 30 Sekunden mehr für das Bild der Deutschen in der Welt geleistet hat als die meisten ihr Leben lang zu trachten vergeblich mühen.


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